Waldökologie

Sind Wildtiere für unsere kranken Wälder verantwortlich weil sie junge Triebe, Knospen und Blätter fressen?

 

Ja, es können heranwachsende Bäume dadurch absterben, aber ist das der Grund warum sich unsere Wälder nicht mehr in einem gesunden biologischen Zustand befinden?

 

Sicher kann es zu Beschädigung durch Rotwild durch Schälschäden kommen. Rot- und Damhirsche sowie Muffelwild nutzen die Rinde eines Baumes hierbei als Nahrungsquelle und es kommt des Öfteren zum Absterben der Pflanze; Rehe hingegen schälen nicht.

Wir betrachten ein paar Fakten

Das Argument des überhöhten Verbissschadens soll dem Laien suggerieren, dass es zwingend erforderlich sei, verschiedene Schalenwildarten auf einem konstanten und verträglichen Level für einen Wald zu halten.

Doch ist durch diesen Schaden überhaupt ein ökologischer Konflikt zwischen Wald und Wild entstanden, oder geht es Jägerschaft und Försterei eher um die fortlaufend anhaltende Wirtschaftlichkeit des Gebietes?

 

Bedenken wir, die Forstwirtschaft mit über einer Million Mitarbeiter*innen ist ein in Deutschland starker Ast am Baum der unzähligen Wirtschaftszweige.

 

In Deutschland haben wir laut Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e. V. (SDW) eine Waldfläche von 32%, wobei die regionalen Unterschiede der Flächen nochmal stark variieren können. Hessen und Rheinland-Pfalz liegen mit 42% Waldanteil an der Spitze unserer Bundesrepublik, weit abgeschlagen auf dem letzten Platz befindet sich Schleswig-Holstein mit einem Gebiet von gerade einmal 11%.

Die hessischen Jäger*innen haben 174.971 Abschüsse

für das Jagdjahr 2019/20 in ihrer Streckenliste angegeben

(HMUKLV, 2020). Hier sind Rehe in ca. 30% des

Bundeslandes vertreten und werden somit

hauptverantwortlich für den Schaden an der hiesigen Flora

gemacht. Im Nachhaltigkeitsbericht 2018 vom

Landesbetrieb HessenForst wird das Wild sogar fast schon

verteufelt. Da das Schalenwild für 3,3% des Verbisses an

Fichten verantwortlich ist, wird der verstärkte jagdliche

Druck weiter auf sie gefordert (Landesbetrieb

HessenForst, 2018). Des Weiteren ist eine Abbildung im

Bericht zu sehen, welche die Abschussquoten innerhalb der

letzten 18 Jahre (2001 – 2018) statistisch aufzeigt. Zu

erkennen ist, dass die Abschüsse kontinuierlich ansteigen,

gleichzeitig das Problem der Waldschäden durch Verbiss und

Schälen jedoch konstant bleibt (Landesbetrieb HessenForst,

2018).

HessenForst Jahresstrecke 2000 - 2018 Sc

Entwicklung der Jahresstrecken (2001 - 2018) - Landesbetrieb HessenForst; Nachhaltigkeitsbericht Forstwirtschaft für Klimaschutz

Obwohl die Waldfläche in Deutschland laut SDW innerhalb der letzten zehn Jahre um 50.000 ha zunahm, besteht immer noch das Problem des wirtschaftlichen Interesses am nachwachsenden und jederzeit stark gefragten Rohstoff.Ebenfalls gab der vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) mit jährlich hohen Fördergeldern unterstütze Verein an, dass 40% unserer grünen Lunge aus Nadelwald, welcher ursprünglich einem völlig anderen Biotop als dem unseren entspringt, besteht. Hohmann et. al schrieben in ihrem Evaluierungsbericht zur dreijährigen Jagdruhe in einer Kernzone des Pfälzerwaldes „Die Früchte von Buche und Eiche spielen als kalorienreiche Nahrungsquelle im Herbst und Winter für alle drei Schalenwildarten […] eine wichtige Rolle […]“ (Hohmann et. al, 2018). Hierdurch erst wird verständlich, weshalb das Wild sich überhaupt an den jungen Pflanzen und den Rinden der ausgewachsenen Bäume versucht satt zu fressen. Glücklicherweise nimmt das Nadelholz ab und unser ursprünglicher Mischwald wieder leicht aber stetig zu.

Sind die jährlichen Jagdstrecken regional für den dauerhaften Baum- und Waldschutz von Bedeutung?

In den 1950er Jahren gingen Förster davon aus, dass Verbissschaden ca. „zehnmal so hoch war wie der durch Sturm und andere Naturkatastrophen“ (Ammer et. al, 2010).  Dies ist, neben der Förderung des Staates durch Steuervergünstigungen, der entscheidende Grund der Bepflanzung von „verbisstoleranten Fichten und Kiefern.“ (Ammer et. al, 2010). Dabei ist mittlerweile bekannt, dass die Schadenintensität nicht mit der Art der Pflanzen, sondern viel mehr mit der Pflanzenvielfalt, der Wilddichte und der Waldstruktur zu tun hat (Reimoser und Gossow, 1996). Im Grunde liegt also nah, so schreiben es 2017 Fritz und Susanne Reimoser des Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien in ihrer Studie, dass durch die exzessive Fehlbejagung der Schalenwildarten eine dauerhafte Steigerung der Populationsdichte verursacht wird. Außerdem ist der Verbiss unter anderem durchaus auf einen Mangel an geeigneten Nahrungsquellen zurückzuführen (Reimoser, 2017). Des Weiteren erörtern sie, dass „verstärkte Wildschäden […] zunächst als Symptom für die durch den Menschen gestörten Wechselbeziehungen zwischen Wild und Umwelt aufzufassen, deren Ursachen dann regional zu ergründen sind.“ (Reimoser, 2017).

Hat die heutige Jagd Einfluss auf das Verhalten von Wildbeständen in unseren Wildgebieten?

 

Ein Vergleich zu Zeiten in denen Wild in Relation zur Gegenwart selten bejagt wurde, sind eine Rarität. So müssen wir auf andere Studien zurückgreifen, welche beispielsweise den Stressfaktor und das allgemeine Verhalten der Wildtiere untersuchten. 2018 verfassten die zwei Wissenschaftler Gentsch und Kjellander der Swedish University of Agricultural Sciences zusammen mit Röken vom „Kolmården Wildlife Park“ eine Studie, welche die Kortisolausschüttung in stressbedingten Situationen wie zum Beispiel unmittelbar nach einem Autounfall oder dem An- oder Abschuss während einer Jagd untersuchten. In ihrer Analyse kamen sie zu dem Ergebnis, dass die Art der Bejagung eine wichtige Rolle spielt. So ist die Hatz, also die Jagd mit Hunden, für alle bejagten Tierarten die mit Abstand stressigste Jagdmethode (Gentsch et. al, 2018). Des Weiteren führt der Einfluss des Menschen durch Eingriffe in die natürlichen Lebensräume des Schalenwilds zu immensen Störungen. So haben Rothirsche, laut Berichten von Wotschikowsky und Simon, keine Möglichkeit in saisonal günstigere, also Gebiete mit nahrungsreicherer Pflanzendiversität, abzuwandern. In ihrer Ausarbeitung schreiben sie außerdem: „Ob große oder kleine Rudel – in jedem Fall muss ein erheblicher Nahrungsbedarf befriedigt werden. Deshalb verlagert Rotwild seine Aktivitätszentren je nach dem saisonalen Nahrungsangebot oft über erhebliche Strecken.“ (Wotschikowsky, Simon, 2003). Die im Sommer vorhandenen Nahrungs- und Rückzugsgebiete von Hirschen liegen meist in höheren Lagen als diese, welche im Winter von den Tieren als Einstand genutzt werden (Miller, 2020). Doch gerade der Winter ist für warmblütige Tiere in freier Wildbahn eine doppelte Belastung, da die Nahrungssuche einen enormen Energieaufwand mit sich bringt und zeitgleich jedoch eher nahrungsärmeres Futter gefunden wird. In einer Studie wurde jedoch entdeckt, dass das Wild selbst durch dauerhaften Zugriff auf Rohfasernahrung diese nicht in einem Ausmaß wie im Sommer nutzt, da ein „ein erheblicher Teil des täglichen Energiebedarfes durch den Abbau von Fettreserven gedeckt wurde.“ (Arnold, 2016). Dies ist den Tieren nur durch eine deutliche Minimierung ihres Gesamtenergieverbrauchs möglich, welchen sie in der kalten Jahreszeit um bis zu 60% senken und selbst regulieren können (Arnold, 2016). Dem Rotwild ist es sogar möglich seine Körpertemperatur auf bis zu 15° C. herunterzufahren und so eine erhebliche Menge an Energiereserven zu speichern (Arnold, 2016). Da in vielen Gebieten Deutschlands jedoch durch Kirrungen mit mangelnder Nahrung wie Mais oder ähnlichem zugefüttert wird, kann das Tier an einer Pansen-Azidose erkranken und letztendlich daran sterben (Miller, 2020).
Die Abwanderung in potentere Regionen wird durch die ständig anhaltende Bebauung früherer Waldgebiete, den in Deutschland stetig wachsenden Wandertourismus in Naturregionen sowie die anhaltende Forstfehlwirtschaft in Form von Plantagenbau, statt heimischer Baumartenrenaturierung, verhindert. Weiter wird von Wotschikowsky und Simon präsentiert, dass das Verhalten durch revierbezogene Wildäsungsflächen, Winterfütterungen und Kirrungen manipuliert werde um die Rothirsche an einer Abwanderung zu hindern und sie im eigenen Revier als Wild für die Jagdsaison, die von Juni bis Ende Januar dauert, zu halten (Wotschikowsky, Simon, 2003).

Doch ist der Wildverbiss innerhalb des Walds nicht völlig natürlich, oder eventuell doch auf ein durch Menschen fehlorganisiertes Jagd- und Forstmanagement zurück zu führen?

 

Die Professoren und Doktoren Ammer et. al schreiben im "Der Wald-Wild-Konflikt" folgendes: "[...] Den vielfach überhöhten Wildbeständen, die nicht selten in den jagdlichen Interessen Einzelner ihren Grund haben, stehen somit gesellschaftliche und forstwirtschaftliche Ansprüche an Wälder gegenüber. [...]" (Ammer et. al, 2010). Neben Ammer und seinen Kollegen schrieb der 2019 verstorbene Wildbiologe und Förster Wotschikowsky, dass durch die dauerhafte Fehlbewaldung, also durch die erhöhten Nadelwaldbestände, dem Rotwild gleich zwei Bedürfnisse an Ort und Stelle geboten werden. So hat das Schalenwild neben der Nahrungsquelle auch noch eine besonders gute Deckung und somit Schutz vor Jägern und Prädatoren. Schälungen sind außerdem auch in ungenutzten Waldgebieten zu sehen und sollten künftig „von der Forstwirtschaft als natürlicher Standortfaktor akzeptiert“ werden (Wotschikowsky, Simon, 2003). Weiter ist erwiesen, dass „Mit 66,7 % […] die Fichtenreinbeständen (bzw. Fichte dominierend) am weitaus häufigsten vom Rotwild als Einstand genutzt.“ werden (Berberich et. al, 1994). Dieses Missmanagement zeigt auf, dass die Tiere aus den Fehlern des wirtschaftlichen Interesses der Menschen ihren eigenen Nutzen ziehen. Ursprünglich hatten einige Tierarten einen anderen Lebensraum, wenn auch das Habitat das gleiche war. Das Wild hat bis vor vielen Jahrzehnten hauptsächlich am Rand von Wäldern gelebt und sich tagsüber (heute hauptsächlich während der Dämmerung und des Sonnenaufgangs) von Blättern, Gräsern, Knospen, Früchten und Trieben ernährt. Erst durch die schonungslose Jagd auf Reh- und Rotwild haben diese sich immer weiter zurück in die Wälder gezogen um eine höhere Schutz- und Fluchtmöglichkeit zu erlangen. So fasst Jeppesen zusammen, dass kleinere Rotwildrudel gelernt haben vor der Äsung auf Freigelände große Gruppen zu bilden (Jeppesen, 1987). Außerdem fressen die Huftiere überwiegend nachts und waldige Äsungsgebiete werden fast ausschließlich nur noch zur Bejagung der Tiere genutzt (Wotschikowsky, Simon, 2003).

 

Für weitere Fragen steht der Autor gerne zur Verfügung!

 

Unser Wald – unsere Zukunft!